Bemerkenswert

Pollys Welt

Dies ist die Kurzfassung des Beitrags.

Gerste einholen

– leise flatterte der Kittel –

Sie hatte Albert an Silvester kennen gelernt, zusammen tanzten sie nach einem bekannten Lied, dessen Name ihr heute nicht einfiel. Geheiratet wurde im darauf folgenden November. Das Kleid, die Schuhe, geliehen von einer benachbarten Bäuerin. Der Bauer schlachtete ein Ferkel und als er verlangte, dass sie ein Jahr lang bei ihm arbeiteten, willigten sie ein.

Am dreihundertsechundsechzigsten Tag gingen sie fort. „Vom Regen in die Traufe, nein, wie sagt man, von der Traufe in den Regen? Nein nein, vom Regen in die Traufe.“

Was haben sie geschuftet! Einmal musste sie die Gerste mit einholen, oben auf dem Anhänger ein Baum, um die Ladung zu sichern. Festgezurrt mit einem Seil, gespannt am Ende des Hängers. Sie hielt unten fest und da brach der Baum und sie flog – leise flatterte der Kittel – hoch durch die Luft. Der Aufprall war hart. Albert stürzte hinzu, doch sie rief: „Lass mich liegen, lass mich liegen!“ Beim Erzählen hält sie sich den Kopf. 

Schließlich rappelte sie sich hoch, erbrach mehrfach und nach Momenten der Verlassenheit hörte sie den Bauern sagen: “ Nu kannste wohl wieder, was!“

Später holte sie Günter von der Schwiegermutter ab, mit dem Fahrrad über unbefestigte Feldwege. Das Kind brabbelte im Kindersitz.
In ihrem Kopf ein erstes Trümmerfeld.

Die Jeans des Raumfahrers

Hochgebundene Orchideen

Ohje!“ Sehr eloquent war das nicht, aber mir fällt nichts Angebrachteres ein. Ratlos und in Erinnerungen versunken sitzen wir da.

„14 Jahre ist er jetzt schon tot.“

Heute hat sie das Grab neu bepflanzt. Ich hoffe, dass die Kaninchen etwas anderes zu Fressen finden.

„Weißt Du, ich hatte ja einen Verlobten, der ist im Krieg gefallen.“

Das hatte sie schon einmal erzählt, aber heute ist es anders.

Ich bin still und warte.

Sie guckt aus dem Fenster und sagt „Das wissen Gustav und Friedrich nicht, aber ich hatte vor ihnen schon ein Kind.“ Ich halte den Atem an. „Oh, und was ist mit dem passiert? Was war es denn?“ „Ein kleiner Junge.“ Sie wiegt sich einmal hin und her und fährt fort. „Naja, der Heinz hat mich heiraten wollen und hat gesagt ‚wenn Du es nicht bekommst, dann bist Du keine richtige Mutter’. Er hätte es also angenommen als Vater. Meine Mutter war ganz außer sich. Ich war ja nur verlobt gewesen.“ 

Nicht recht wissend, was ich sagen soll, frage ich leise mit geknicktem Gesicht: „Und dann?“

„Er ist gestorben, der Junge. Nach zwei Monaten.“

Wühlt es sie auf oder wollte sie das schon lange loswerden? Ich seufze: „Oh je!“ Sehr eloquent war das nicht, aber mir fällt nichts Angebrachteres ein. Ratlos und in Erinnerungen versunken sitzen wir da.

Die hochgebundenen Orchideen versperren den Blick nach draußen.

Nach einer Weile steht sie auf und holt ein Fotoalbum. Wie um sich ihrer Geschichte zu versichern, blättert sie drauf los und erklärt mir die Bilder. Zwölf Torten hatte sie zu dieser Feier gebacken. Eine stattliche Tafel biegt sich unter den Platten. Dort der Hund, das große Haus, ihr Garten. Immer eifriger erläutert sie Menschen, Situationen, Plätze und Gebäude. 

Im Album sind nun Bilder von vor ein paar Jahren zu sehen.

Mit dem Gefühl, dass sie wieder ganz im hier und jetzt ist, lasse ich sie zurück.

Morgen hätten sie und Heinz 65jährigen Hochzeitstag gehabt.

Dienstags

Heute kommt er zu Besuch. Vielleicht.

Sie hat Mohnstollen gebacken, zweifelt jedoch, ob er ihr gut genug gelungen ist. Heute kommt er zu Besuch. Vielleicht. Auch die Kaffeedose steht schon bereit, sollte er kommen, brüht sie welchen auf.
Ein Flimmern durchzieht ihre Augen, die Haare gestern eingedreht, für den Geburtstag, aber heute liegen sie noch passabel. Das findet sie allerdings nicht.
Geht spazieren, einkaufen für die fordernden Nachbarn, zur Apotheke, hat um halb Neun alles erledigt.
Ob er kommen wird?
Das Mittagessen wird gebracht, eine halbe Portion, alles andere ist ihr zu teuer. Ach, wären die Klöße doch so wie in ihren Kindertagen. Nun denn, sie ist trotzdem zufrieden.
Ich treffe sie auf der Straße und frage nach dem Schwindel. Sie erzählt kurz, kommt aber sofort mit leuchtenden Augen strahlend auf ihn zu sprechen: „Wenn ich ihn sehe, dann fühle ich mich gesund!“
Neckend frage ich: „Sind sie ein wenig verliebt?“, sie lacht und winkt ab, leicht errötend. Dann wünsche ich ihr augenzwinkernd einen schönen Tag und hoffe, dass er auf seiner Runde bei ihr vorbeikommt.

Aufgeblüht. Jeden Dienstag.

Du.

Weltschmerz fängst Du auf, setzt ihn auf eine Schaukel, bis er ganz oben abspringt und dem Kolibri hinterherfliegt.

Du bist mein Gebirge in der tosenden Wassermenge, wie eine Mauer um mein zerrüttetes Selbst. Pule ich ein Steinchen raus, ersetzt Du es mit Verständnis und Blumen. Springe ich rüber, fängst Du mich auf, nimmst mich an der Hand und zeigst mir den Weg zurück.
Mir, die ich soviel von Dir erwarte und fordere. Du erfüllst es mit Anmut und Großartigkeit. Zeigst Dein bedingungsloses Dasein für mich. Mit jeder kleinen Geste. Ist ein Rasen in meinem Kopf, legst Du ihn in Deinen Schoß und streichelst meine Haare. Bin ich von Leere erfüllt, lässt Du mich sein wie ich dann nur sein kann. Schätzt meine Meinung und manche unbequeme Wahrheit.
Hörst meine Musik und versuchst, zu verstehen. Siehst meine Bilder und blickst in meine Seele. Es geling Dir auf außerordentliche Weise. Siehst meine Marotten und lässt sie bestehen. Kannst meiner Zerrissenheit Dich selbst entgegensetzen. Mit Charme und Witz erhellst Du so manche Zeit. Meine Traurigkeit teilst Du, lässt sie durch Deinen Geist diffundieren und verwandelst sie in Machbarkeit. Weltschmerz fängst Du auf, setzt ihn auf eine Schaukel, bis er ganz oben abspringt und dem Kolibri hinterherfliegt. Netze von Bedeutungslosigkeit färbst Du mit bunten Farben und enttüdelst sie für mich. Fäden, die mich erbarmungslos einwickeln, spinnst Du zu einer Decke aus Güte und Aufrichtigkeit. Singst mein Lied in der richtigen Tonart, die nur wir beide kennen. Liest mir die Leviten und Geschichten vor.
Bis ich einschlafe.

Fuck off

Heute ist ein Aufkleber-Tag. Geht mir doch alle vom Acker, latscht mir nicht übers Beet und lasst meine Blumen stehen!

Fuck you, you fucking fuck! Ein schöner Aufkleber. Manchmal mag ich Aufkleber lieber als Menschen. Sie sind einfach, direkt, oft einfarbig und haben genau eine Aussage.

Heute ist ein Aufkleber-Tag. Geht mir doch alle vom Acker, latscht mir nicht übers Beet, und lasst meine Blumen stehen!

Gestern war ein normaler Tag. Was macht diesen heute so anders? Mit dem falschen Fuß aufgestanden? Was für ein ätzender Satz.
Blöd geträumt? Nein, ich habe gut geträumt, jeder Traum ist gut. Nur manchmal kryptisch. Deshalb häng ich hier aufm Schlauch, stehe schief in den Seilen und kippel rum. Bin agressiv.

Kryptisch. Mein Aufkleber ist nicht kryptisch. Da steht bloß dieser eine Satz. Und den schreib ich mir heute auf die Stirn. In neongrün:
Fuck you, you fucking fuck.

Düdenbüttel

Man muss es nur versuchen, das Bier schmeckt auch aus dem Sektglas.

„Nein, aus der Flasche trinke ich kein Bier. Das mach ich nicht. Das ist eklig!“ Sprachs und setzte sich in Erwartung eines Glases auf dem Sofa gemütlich hin. Der Rock rutschte hoch und es war ihr egal. Schöne Beine hat sie. Ihre Seele ist noch feiner. Genau wie ihr Wesen ist es herzlich, gemütlich, ein wenig angeschrappt ob des weihnachtlichen Trubels, aber immer noch zum Lachen aufgelegt.

Ihre Schwester wollte die Gardinenröllchen bezwingen und den Stoff zum Waschen abnehmen und machte einen Spruch, der sich ihr ein- und aufs Papier brannte.
„Gefickt eingeschädelt“
So zum Lachen hat sie nichts gebracht an diesem Weihnachtsfest, ein paar Tränchen kamen hervor um in den Lachfalten zu verschwinden.
So fand ich ein paar Stunden später auf ihrem Telefontischchen einen Zettel, schnell hingekrakelt stand es dort drauf. Gefickt eingeschädelt.
„Das kanntest Du nicht?“ Nein, kannte sie nicht. „Aber das mit Kentucky…,“ Ja, das schon, aber das andere nicht.

Ihre Mutter war ein wahrer Scrabble-Spieler, stets auf die Regeln bedacht, aber wenn es dem Ende zuging, immer ein Wort parat, was „noch nicht im Duden steht.“

Beim Straßenschild des bestimmt pittoresken Örtchens Düdenbüttel unter dem weiten Himmel Norddeutschlands lachte diese alte Dame so sehr, dass der Autositz es nicht trocken überstand. Und wie haben wir das Lachen genossen!

Auf der Beerdigung ihres Mannes lachten wir auch, leise und hysterisch hinter vorgehaltener Hand, unbekannte Situation für 4 und 6jährige Kinder.


13 Gäste an Heiligabend, ein hervorragendes Boeuf Bourguignon mit den universumsbesten Kartoffelklößen der Welt, großartige Menschen, nette Themen und das ein oder mehrere Plätzchen haben mir nicht annähernd soviel Freude bereitet wie dieser Zettel und die Oma im Auto bei der Abzweigung nach Düdenbüttel. Auch der folgende Tag an der Nordsee war nur noch ein Durchschlag dieser Fröhlichkeit.

Mag passieren, was wolle, Bier trinke ich ab nun immer aus einem Sektglas.

https://www.youtube.com/watch?v=7yZjsQXp5E8